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Mittwoch, 6. Juli 2011

13... Grundausbildung, Vereidigung & Rekrutenbesichtigung

Die Grundausbildung schritt unaufhörlich voran. Eisige Kälte und stätige Müdigkeit waren meine treuesten Begleiter . Nach 1 1/2 Wochen Innendienst konnte ich wieder mit nach "draußen". Ich hatte das Gefühl, es sei der kälteste Winter den ich je erlebt hatte. Aber in den kommenden Jahren sollte es durchaus noch die ein, oder andere Begegnung mit Väterchen Frosts rauen Gepflogenheiten geben. Die ersten zwei Monate beim Militär waren geschafft und langsam rückte der Tag unserer Vereidigung* näher.

(*Die Vereidigung oder das Gelöbnis von Soldaten der Bundeswehr ist eine – meist feierliche – Zeremonie am Anfang ihrer Dienstzeit. Der Text der Formel unterscheidet sich dabei zwischen Grundwehrdienstleistenden bzw. freiwilligen Wehrdienst Leistenden, die ein Feierliches Gelöbnis ablegen und Soldaten auf Zeit die einen Diensteid ablegen.

Vereidigung oder Gelöbnis werden in § 9 des Soldatengesetzes festgelegt.
„Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, so wahr mir Gott helfe.“ 
(Also gar nicht, denn ich war und bin nicht gläubig)
– § 9 Soldatengesetz, Eidesformel für Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit
„Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“
– § 9 Soldatengesetz, Gelöbnisformel für Wehrpflichtige Soldaten)
Es wurde viel geprobt. Ein bizarres Schauspiel, hunderte Soldaten marschierten gleichen Schrittes über den großen Antreteplatz. Es wurde Alles bis ins letzte Detail einstudiert. Das Einlaufen, das Anhalten, das Drehen, 1 1/2 Stunden starr dastehen, auf besondere Kommandos wurden die Gewehre vor die Brust gerissen und wieder neben seinem rechten Fuß abgestellt. Die Schlachtrufe aller beteiligten Truppengattungen eklangen. Ein surreales Szenario.
Hier ein Beispiel-Video, nicht von meiner Vereidigung, aber vom selben Bataillon und der gleichen Kompanie (3./L92), 5 Jahre später, Ablauf identisch!

Vereidigung der Grenadiere (L/92)

An diesem Tag waren alle meine Lieben von zu Hause nach Munster gekommen um sich dieses Spektakel mit anzusehen. Es wurden Fotos geschossen, Videos gedreht, die Stuben wurden den Eltern, den Geschwistern, Onkel und Tanten und Freundinnen präsentiert. Die Vorgesetzten wurden vorgestellt und sie waren plötzlich wie ausgewechselt. Nett, freundlich, zuvorkommend, ich konnte es nicht fassen. Alles wirkte falsch und aufgesetzt. Aber das war es nicht, es war die Realität.
Das Wochenende im Anschluss war frei und nun war es auch nicht mehr lang bis zu unserer *Rekrutenbesichtigung

*Den Abschluss der Allgemeinen Grundausbildung bildet die Rekrutenbesichtigung, die je nach den Festlegungen des Kompaniechefs unterschiedlich ausfallen kann. Meist verlegt er die Kompanie für mehrere Tage ins Gelände, wo der Rekrut alle gelernten Fähigkeiten unter Beweis stellen muss. Dazu gehört der Aufbau des Platzes der Gruppe, das Anlegen von Stellungen und Alarmposten, der Kampf im bewaldeten Gelände, sowie Orts- & Häuserkampf, Orientierung mit Karte- und Kompass, die Tätigkeiten als Meldesoldat, das Verhalten bei Nacht, das Behandeln verletzter Kameraden und viele andere mehr oder minder wichtige Dinge. In Verbindung mit den Geländeaufenthalten werden längere (Leistungs-)Märsche durchgeführt (bis 20km). Kurz geasagt: Er muss korrektes soldatisches Verhalten beweisen. Für den Abschluss sind ein bis zwei Durchgänge unter ABC-Schutz über die Hindernisbahn sehr beliebt. In der Praxis hat die Rekrutenbesichtigung trotz anderslautender Kommentare der Ausbilder für gewöhnlich keine Auswirkung darauf, ob man die AGa besteht oder nicht.

Abmarsch zur Rekrutenbesichtigung




In dieser bei uns 3 1/2 Tage andauernden "Psychoprüfung" wurden wir sehr weit an unsere Belastungsgrenzen getrieben. Hunger, Müdigkeit und gnadenlose Kälte forderten Ihren Tribut. Es ging soweit, das ich während eines 
18 km-Marsches einfach einschlief. Wir wurden "beschossen", ich stolperte mit meinem MG3 in die nächstbeste Stellung und kam nicht mal mehr zum Schießen. Ich bin auf der Stelle eingepennt. Ich kann mich leider auch nur noch sehr vage an diese Tage erinnern. Ich erlebte sie in einer seltsamen "Zwischenwelt".

Die Krönung zum Ende unser Rekrutenbesichtigung, stellte ein ABC-Alarm dar.
ABC-Alarm (atomarer, biologischer und/oder chemischer Angriff).
Das bedeutete, auf der Stelle, ABC-Schutzausrüstung anlegen. Maske, Poncho, Überziehstiefel, Handschuhe.
Da wir uns nun in einem simulierten Ausnahmezustand befanden, musste alles weitere im Laufschritt passieren. Die Entfernung zur Heimat-Kaserne betrug zu diesem Zeitpunkt, noch ca. 2 - 3 Kilometer.
In Vollschutzkleidung, mit Marschgepäck und Bewaffnung liefen wir in Richtung Hindernisbahn.
Diese galt es nun zwei mal zu überqueren. Die Luft unter der Schutzmaske wurde im Laufschritt natürlich nicht unbedingt mehr und die letzten, kaum mehr für möglich gehaltenen Reserven wurden mobilisiert. 

Einer meiner Kameraden kollabierte, einige Reihen hinter mir.
Ich habe heute keine Ahnung wo ich diese letzten Kräfte herholte. Nach den zwei Durchläufen über die HiBa (Hindernisbahn), wurden Gepäck, Waffen und Munition auf den Zug aufgeteilt. Der Kollabierte wurde im Wechsel von uns bis zur Kaserne, mehr oder weniger getragen. Das rettende Tor kam in greifbare Nähe. Jedoch zog sich der letzte Kilometer durch die Kaserne in schiere Endlosigkeit.
Auch ich hatte das Gefühl, dass mir jeden Moment jemand das Licht ausknipst.
Ich fand erst wieder richtig zu mir, als ich unter der heiß ersehnten Dusche stand. 
Sechs Duschen, 25 Grenadiere, einer stank schlimmer als der Andere.
Wir hatten es geschafft.
Die für mich härteste Prüfung bis Dato. Retrospektiv betrachtet, war es ein Klacks, verglichen mit dem was mich in den kommenden knapp 45 Monaten noch erwarten sollte.

[...]

Donnerstag, 15. Juli 2010

12...die Grundausbildung läuft so vor sich hin.

...nachdem ich für die kommenden 4 Jahre unterschrieben hatte, dauerte es nicht lang bis ich meine "Verwendung" (das was man bei der Truppe zukünftig macht) bekam. Ich sollte Panzergrenadier-Richtschütze werden.
*Richtschütze ist ein allgemeiner Begriff für den Bediener eines Geschützes. Dieses Geschütz kann lafettiert bzw. eingebaut sein, z. B. in Panzern. Der Richtschütze richtet (daher der Name) das Geschütz auf Kommando zur Zielbekämpfung aus. Horizontale Bewegungen des Rohres nennt man Schwenken, vertikale Bewegungen Richten. Bei modernen Geschützen erfolgt die Bedienung durch Joystick ähnliche Armaturen.



Hier noch mal ein, zwei Blicke ins innere: 



Bis dahin sollte es aber noch ein sehr langer Weg sein. Erstmal schlängelte sich der Weg durch die Grundausbildung schwer dahin. Es warteten so sensationelle Dinge wie: Hindernisbahn, ABC-Ausbildung, Ausbildung "im scharfen Schuss" auf der StOSa (Standort-Schießanlage), unsere "erste Hilfe"-Ausbildung das "Deutsche Sportabzeichen" und natürlich die Wachausbildung. Nebenher immer wieder Formaldienst im "Ausgehanzug". Nach vier Wochen Bundeswehr wurde ich dann auch zum ersten mal krank, ich schleppte mich über die Woche, mit Fieber, Kopf und Gliederschmerzen. Als ich dann am Wochenende zu Hause war musste ich in die Julius-Leber-Kaserne in Berlin. Fieber jenseits der 39,5° C, unerträgliche Halsschmerzen etc. Das Ergebnis: 4 Tage Bettenstation in der Heimat mit einer strammen Lungenentzündung. Im Anschluss war ich 1 1/2 Wochen im "Innendienst" (keinen Dienst im Gelände, keine Ausbildung außerhalb unseres Kompanie-Blocks). Das war die Zeit, in der ich den "UvD/GvD-Dienst" (Unteroffizier/Gefreiter vom Dienst) kennen und hassen lernte. Der UvD/GvDienst: man sitzt mit einem Unteroffizier oder anderen Mannschaftsdienstgrad in einem kleinen Kabuff am Eingang der Kompanie, schaut wer rein und raus geht und bewacht das Telefon. Ein mehr oder minder echt überflüssiger Posten. Besonders beliebt war dieser Dienst am Wochenende. Alle sind zu Hause und Du sitzt in der Kompanie, die Eingangstür ist abgeschlossen und man starrt auf die "Bahnhofsuhr" gegenüber des UvD-Zimmers und zählt die Minuten und Stunden. Dienst war immer von 7.15 bis 7.15 des nächsten Tages und wenn es beschissen lief war man 2 bis 3 mal / Monat  dran. Einziger Vorteil, als Zeitsoldat konnte man den Dienst als 24 Std. abrechnen und bekam knapp 
35,- € extra, am Wochenende (Sonntags) sogar ~ 50,- €. Wer also Geld brauchte, tauschte gerne  mal den Dienst und machte am Wochenende zwei davon. Freitag auf Samstag und im Anschluss Sonntag auf Montag. Leichter konnte man sein Geld nicht verdienen (fürs "nix tun"). 

Dienstag, 6. Juli 2010

11...die erste Woche an der frischen Luft nähert sich dem Ende


...nach vier Tagen an der frischen Luft, bei Eises-Kälte, Wind, Schneeregen und pro Nacht weniger als 4 Std. Schlaf, waren wir Alle ziemlich kaputt. Als es dann am Freitag hieß wir verlegen nach drinnen, konnte ich es kaum fassen, bald wieder in einem "richtigen Bett" zu schlafen, den Luxus von warmem Wasser aus der Wand zu genießen und (verzeiht meine Wortwahl) in ein richtiges Klo zu kacken. Die Geschichte von meinem ersten "Spatengang" (Stuhlgang im Wald) erspare ich Euch lieber. Nur soviel, es ist unglaublich grauselig, bei - 10° C, den blanken Hintern, 30 cm über den Waldboden zu halten, abzudrücken und hoffen das man auch an der Hose vorbei trifft. Urplötzlich muss man nämlich eigentlich gar nicht mehr.
Gegen 15.00 uhr war es dann soweit. Nach dem abbauen unserer Zelte und der anschließenden Vollzähligkeitsüberprüfung waren wir abmarschbereit.
Die ca. 60 Minuten (~ 6 - 7 km) Marsch, kamen mir wie eine halbe Ewigkeit vor. Mit gesenkten Köpfen und hängenden Waffen passierten wir das Kasernentor. Ich war total am Ende meiner Kräfte, fühlte mich aber trotz der ganzen Strapazen irgendwie gut und zufrieden. Endlich mal etwas von Anfang bis zum Ende durchgezogen. Naja ich hatte ja auch nicht wirklich eine andere Wahl. Im Block 52 angekommen wollte ich nur noch in mein Bett fallen. Aber der nächste Punkt stand unmittelbar auf dem Plan. Das Gesicht von der fettigen Tarnschminke befreien und Hände waschen. Danach unverzüglich unsere Stühle aus den Stuben holen und auf dem Flur nebeneinander aufstellen. Waffen reinigen! Wie ich mich darauf freute gleich auf einem Stuhl zu sitzen...
2 Minuten später stellte ich fest, "zu früh gefreut"... auf dem Stuhl wurden nämlich die Waffenteile abgelegt. "Wenn Ihr beim Waffen reinigen sitzt, dann pennt Ihr bloß ein..."
 Ja Ja...bla bla dachte ich mir...


Ich glaube ich war ungefähr 5 mal bei Dem, der sich die gereinigten Waffen anschaute. Doch es gab immer wieder stellen, wo er seine verdammten Finger reinsteckte und schwarze Schmauchspuren zu Tage beförderte. Der reinste Psycho-Terror, wie ich fand. Um 18.00 war es dann endlich soweit: Waffenabgabe! "Panzergrenadier [Name], G-36 gereinigt, Patronenlager frei, entspannt und gesichert!" So lautete die Meldung zur Übergabe des Gewehrs an den Waffenkammer-Unteroffizier. Jetzt durften wir endlich duschen. Ihr glaubt nicht wie ich es genoss, heißes Wasser, ohne was dafür zu tun...Und dann auch noch soviel man wollte. OK... 5 Duschen für 60 Mann, da hat man es mit dem ausgiebig Duschen auch nicht so. Aber es war völlig egal. Dann stand man eben zu viert unter einem Brausekopf. Aneinander gekuschelt wie Gott einen schuf. Das war echte Kameradschaft. Nein, Spaß beiseite... es ging halt nicht anders. Im Anschluss an das Reinigungsritual hatten wir tatsächlich mal eine Stunde Zeit uns zu entspannen. Das wurde auch prompt ausgenutzt.


In den kommenden Tagen bereiteten wir unsere Ausrüstung nach. Schwachstellen wurden ausgebessert, ABC-Ponchos abgeduscht, Zeltbahnen ausgebürstet, die Stiefel wurden wieder auf Hochglanz poliert und so weiter. Unterrichte folgten und der Tag der Frage: "wie lang möchte ich bei diesem Verein bleiben?", rückte immer näher. Da wir eine Kompanie waren, die nach der Grundausbildung nur noch SaZ's (Soldaten auf Zeit) und keine Gwdl'er (Grundwehrdienst leistenden) haben wollte, mussten wir uns bald entscheiden. 

Ich unterschrieb für die vier kommenden Jahre...

10 .Weiter gehts mit dem ersten Biwak...

...gestärkt durch schmackhaften Brühreis, hieß es nun die abendliche Ausbildung aufzunehmen.
Dazu wurde uns die "SigPi" (Signal-Pistole) und ihre unterschiedliche Munition erklärt.

Die Munition gibt es in unterschiedlichen Farben, weiß (1-Stern, 3-Stern), Grün, Rot (1-Stern, 3-Stern) und wahrscheinlich auch noch andere Farben. 
Nachdem jeder mal in den Himmel schießen durfte und dabei zu spüren bekam, dass es bei der Bundeswehr auch Einhandwaffen mit kräftigem Rückschlag gibt (ich glaube jedem tat das Handgelenk weh), spielten wir etliche Male ein Szenario durch, in dem wir auf den "vermeintlichen Feind" trafen. Das Auftreffen auf Feind hieß: SigPi fertig laden, ein Schuss 1-Stern Rot: fertig machen zum Feuerüberfall. Nun lud jeder sein G-36 fertig und machte sich beireit für das Feuern auf den  
 vor uns liegenden "Feind".... Ein Schuss,1-Stern Grün hieß dann, aus vollen Rohren (Platzpatronen) in die Dunkelheit vor uns zu ballern. In den späteren Biwaks/Übungen versuchten die schlauen Leute, das Schießen mit Manövermunition (wie Platzpatronen richtig heißen), weitestgehend zu vermeiden. Weil die "scheiß-Platzer" das Gewehr saumäßig verkeimten und man anschließend 10mal so lange zum Waffenreinigen benötigte, als wenn man nicht, oder nur wenig schoss. An jenem Abend gab es einen sehr aufmerksamen Soldaten der feststellte, als er die Signalpistole abfeuern sollte, dass sie ihm doch tatsächlichen beim rennen durch den Wald abhanden gekommen war. Das stellte für unseren Gruppenführer den Moment dar
"in dem der Elefant das Wasser lässt". Sprich unser Gruppenführer lief zur Höchstform auf. Ja... man darf Nachts im Wald keine Taschenlampe anmachen, weil man vom "Feind" aufgeklärt (gesehen) werden könnte, aber rumschreien wie ein Berserker schien in diesem Moment völlig in Ordnung zu sein. Naja, der "Feind" konnte uns vermutlich nicht hören, da er ja wie vorgeschrieben die Gehörstöpsel tragen sollte... ;)
Nun wurde die Ausbildung unterbrochen und wir versuchten im dunklen Wald eine schwarze Pistole zu finden. Nach ca. 2 1/2 Std. hatten wir Sie dann gefunden. Ich hatte ehrlich gesagt nicht mehr daran geglaubt. Aber von nun an wurde die SigPi nicht mehr locker in den Gürtel gesteckt, sondern vorschriftsmäßig in die dafür vorgesehene Tasche verstaut. Der nächste Ärger ließ jedoch nicht lang auf sich warten. Am nächsten morgen, als unser Gruppenführer sein Geschäft verrichtete, musste er feststellen das einer seiner Schützlinge, die Reste des gestrigen Abendbrot's (ihr erinnert Euch: Brühreis) nicht ordnungsgemäß vergraben, sondern einfach an einen Baum geschüttet hatte. Vorab hatte er verkündet, die Essensreste zu verbuddeln, da sonst Wildschweine angelockt werden würden. Nun, ging es Ihm weniger um die Wildschweine, als mehr um das Prinzip, dass sich jemand seinen Anweisungen wiedersetzt hatte. Noch vor dem Frühstück, wurden wir freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, doch mal unseren Gefechtsanzug anzulegen. Und dann spielten wir eine Stunde lang, hinlegen, aufstehen, rennen, hinlegen, aufstehen, weiterrennen. Was sich wie folgt anhörte: "Stellung...Sprung auf, Marsch Marsch....Stellung...Sprung auf, Marsch Marsch... Die etwas andere Art von Frühsport! Im Volksmund nennt man das: "Lernen durch Schmerz"

Samstag, 1. Mai 2010

9. Unser erstes Biwak (Männer allein im Wald) ...die 2te

...die erste Nacht unter freiem Himmel näherte sich dem Ende. Um 5.00 uhr, wurde von der letzten Feuerwache die komplette Gruppe geweckt. Unseren Gruppenführer selbstverständlich zum Schluss. Wenn er geweckt wurde, mussten alle  Soldaten angezogen, die Schlafsäcke zusammengerollt und das Lager aufgeräumt sein. Alles natürlich so leise wie möglich. Denn wenn der GrpFhr während der  Aufsteh'-Anzieh'-Aufräum'-Aktion wach wurde, gab es Spaß im Lager, ebenso wenn die Feuerwache vergaß den Wasserkanister ins Feuer zu stellen. Das sollten wir auch irgendwann zu spüren bekommen.
Als erstes wusch sich der Gruppenführer, dann die Soldaten. Dazu bei -10°C, Oberkörper frei, Hose offen und  dann gib Ihm fünfe. Nach dem morgendlichen Erfrischen, T-Shirt an, und Liegestütze. Gruppenführer zählte an und die Gruppe antwortete auf jedes Anzählen mit: "MEHR"!
"Eins, MEHR, zwei, MEHR, drei, MEHR...!!!" 50 Stück sollten drin sein, ich schaffte damals um die 15. Was sich nach mehrmaligem Training schnell änderte. Im Anschluss Frühstück (weiße Plastik-Tüte mit einem Brötchen, 2 Stullen, 1 x Konfitüre, 2x Margarine, einer Banane und 2 Scheiben Wurst die auch nach Banane schmeckten) , danach Lagebesprechung für den kommenden Tag.


Geländeausbildung stand auf dem Plan. Dazu gehörte alles, was es mit dem "im Gelände bewegen" auf sich hatte. Tarnen der Stellungen, Fortbewegungsarten: gehen, kriechen, gleiten, Einführung in Karte & Kompass, in Formationen bewegen: Schützenreihe, Schützenrudel und Vieles mehr. Dazu gab es einzelne Stationen die im Üb-Raum aufgebaut waren. Und so erlernten wir nach und nach "das Soldatsein"
Um ca. 17.00 kam der Spieß ins Gelände und wir wurden mit Abendessen versorgt.
Das heißt, Verpflegungsbereitschaft herstellen. Die Soldaten stellen sich in eine Reihe hintereinander,
bauen Ihr  Ess-Geschirr zusammen und harren der "überaus leckeren Dinge", die einen aus der Suppentherme erwarten.


Ich möchte darauf nicht weiter eingehen, nur soviel, ich habe in den 3 Monaten AGA (allgemeine Grundausbildung) 16 kg an Körpergewicht verloren. Das mag an der vielen Bewegung an der frischen Luft gelegen haben, aber durchaus auch an den "Köstlichkeiten" der Truppenküche die uns kredenzt wurden.
Wie sagt man doch so schön: die Tomatensuppe der Bundeswehr, ist heißes Wasser auf einem roten Teller!


Fortsetzung folgt...

Freitag, 30. April 2010

8. Unser erstes Biwak (Männer allein im Wald)

Es wurde dunkel und und die ersten Alarmposten bezogen Ihre Stellungen. Es fand vorher eine Gelände-Einweisung statt, in der uns mitgeteilt wurde wo wir uns zur Zeit befinden, was unser Auftrag ist und was wir im Falle einer Aufklärung uns fremder Personen, zu tun hatten. Das funktioniert bei der Bundeswehr über einen sogenannten LANGEMARK-Befehl:


L - Lage
A - Auftrag
N- Nachbarn
G - Grenzen
E- Eröffnungslinine
M- Meldemittel
A- Alarmierung
R- Rückwärtiges Feld
K- Kennwort (in dem Fall: PAROLE, bestehend aus zwei Buchstaben des Nato-Alphabets)



Im Folgenden sah es dann so aus:


Lage: Wir befinden uns im Üb-Raum X, abgestellt zur Aufklärung (Entdeckung) der vermutlich vor uns liegenden feindlichen Truppen.
Auftrag: Wir haben den Auftrag, unsere Stellung zu halten und ggf. zu verteidigen.
Nachbarn: Zur Linken, Entfernung ca. 50, die erste Gruppe des II. Zuges, zu unser Rechten, Entfernung ca. 75, die dritte Gruppe des II. Zuges. Beide Gruppen verfügen ebenfalls Über Alarmposten, sowie eine Streife. (Deshalb auch das Kennwort/Parole. Nicht das man aus Versehen seine eigenen Kameraden umnietet)
Grenzen: Zur Linken, Entfernung ca. 25,  markante drei kiefern, gespickt mit hellem Trassierband (phosphoreszierendes Leuchtband). Zur Rechten, Entfernung ca. 30, Kusselgruppe (Sträucher), ebenfalls mit Trassierband versehen.
Eröffnungslinie: Sollten sich unbekannte näher als 10 m, links, rechts oder vor unserer Stellung befinden, wird unverzüglich das Feuer eröffnet.  
Meldemittel: Zwei SEM 52 Funkgeräte.
Alamierung: Die Alarmierung erfolgt automatisch wenn, das Feuer eröffnet wird, bzw. über Funk.
Rückwärtiges Feld: Nach Alarmierung stehen im Rückwärtigen Feld, zwei Stellungen zur Verfügung in die unverzüglich rückwärts, unter gegenseitiger Deckung, ausgewichen wird.
Parole/Kennwort: Alfa / Kilo (die Anfangsbuchstaben des Namens unseres Zugführers)
Die Parole musste man sich dringend merken, sonst kam man echt in Schwulitäten. Parole vergessen, hieß Feuereröffnung. Feuereröffnung hieß Alle wach! Nachts um 3.00 uhr konnte das gegebenenfalls zu schlechter Laune aller Beteiligten führen. Weil alle wach heißt ja nicht, huch da hat jemand geschossen, dann dreh ich mich mal um, schlafe weiter und hoffe das es nicht nochmal passiert. Ne ne, weit gefehlt, alle dürfen aus Ihren Dackel-Garagen krabbeln und vor zu den Stellungen robben. Danach warten auf weiteres...
Also Parole einprägen! Wenn jemand aufgeklärt wird, wird er angerufen mit: ALFA ! Der Angerufene sollte im besten Fall, mit KILO antworten. Dann war alles Ok und man kann Ihn da rumschleichen lassen. 
Die erste Nacht passierte eh alles unter Aufsicht der Gruppenführer, Dienstgrade und Anderen die meinten was zu sagen zu haben. Es wurde geschaut ob sich jeder richtig verhält, ob die Wachen rechtzeitig und ordnungsgemäß abgelöst wurden und ob die LANGEMARK-Übergabe an den Alarmpostenstellungen klappte. Die Streifen wurden begleitet um zu schauen ob sie sich im dunklen Wald orientieren konnten und sich nicht verliefen. Hört sich albern an, war aber ganz gut. Man glaubt nicht wie dunkel es in so einem Wald werden kann. Man sieht Null, nichts, wenn als Bonbon der Himmel noch bewölkt ist, hat man das Gefühl mit verbundenen Augen zu laufen. Da striktes Taschenlampen-Verbot herrschte und die Feuer in den Lagern nicht höher als 30 cm sein durften (das Feuerloch war schon mind. 30 cm tief), konnte man ganz schnell die Orientierung verlieren. 
Wie dem auch sei...die erste Nacht war also den Umständen entsprechend ruhig. Aber kalt!
Nach zwei Stunden in der Stellung auf dem Bauch liegen, ohne sich groß zu bewegen, hatte man das Gefühl, Eier so groß wie Rosinen in der Buchse zu haben. Außerdem tut es einfach nur saumäßig weh. Dann doch lieber so einen "sinnfreien" Auftrag wie, Feuer bewachen, da ist es wenigstens etwas warm und heller. Man sitzt in der Mitte vom Lager, am Feuer, aus den Zelten ertönen die unterschiedlichsten Schnarch-Typen und der einzige Auftrag ist, die Flammen nicht ausgehen zu lassen und gegen 4.00 uhr den 25 Liter-Wasserkanister ins Feuerloch zu stellen. Aber auch das ist nicht immer so einfach...


Hier mal das Nato-Alphabet: (falls Interesse besteht)




    A - ALFA / B - BRAVO / C - CHARLIE / D - DELTA / E - ECHO / F - FOXTROT / G - GOLF / H - HOTEL / I - INDIA / J - JULIETT / K - KILO / L - LIMA / M - MIKE / N - NOVEMBER / O - OSCAR / P - PAPA / Q - QUEBEC / R - ROMEO / S - SIERRA / T - TANGO / U - UNIFORM / V - VICTOR / W -WHISKEY /   X - XRAY / Y - YANKEE / Z - ZULU



Fortsetzung folgt...

Mittwoch, 28. April 2010

7. von Formaldienst, Waffenausbildung und anderen Schweinerein...

In den kommenden Tagen sollten wir vormittags formaldienstlich und Nachmittags, bis spät in die Nacht, an unseren Waffen ausgebildet werden. Der Formaldienst ist das, was die Soldaten in der Öffentlichkeit "soldatisch" erscheinen lässt. Gleichschritt, gleichzeitiges Anhalten, synchrone Drehungen, und so weiter.
Innerhalb der Truppe sorgt es für Ordnung, Disziplin und das Jeder, mit einem bestimmten Kommando eine bestimmte Bewegung verknüpft. Das geht los mit dem formieren des Zuges. In Linie, in Linie zu drei Gliedern, in Reihe, in Marschformation und so weiter. Das Ganze selbstverständlich immer der Größe nach. Also wenn man es dann irgendwann drauf hat, hat man in den einzelnen Formationen stets den selben Vorder - und Hintermann, sowie jeweils zur Linken und/oder Rechten den Gleichen Nachbarn (wenn nicht gerade jemand krank ist).
Alles passiert mit viel Lautstärke und kurzen prägnanten Kommandos.
Nach der Mittagspause wurde sich im Kellergang vor der Waffenkammer positioniert und darauf gewartet, dass man eine Waffe empfangen konnte. (Nach der Grundausbildung bekam jeder seine eigene auf Ihn abgestimmte Waffe)
Die Waffenausbildung fand in einer anderen Kaserne statt, der Panzertruppenschule. Der Weg zur PzTrpSch wurde genutzt, um den Formaldienst in den Köpfen der Landser (intern: Soldaten in der Grundausbildung) zu festigen. Das hieß ständig unterwegs anhalten, rechts um, links um, kehrt, ohne Tritt marsch, vorne halt, rechts um... naja den Rest könnt Ihr Euch sicher denken.
Angekommen in der Panzertruppenschule wurden die Zeltbahnen ausgerollt. Alle versetzt nebeneinander, damit, von dem Aufsichtspersonal, alles und Jeder überblickt werden konnte.

Ausbildung an der Panzerfaust (PzFst)

Ausbildung am Maschinengewehr (MG 3)

Diese Geschichte passierten von da an zwei Wochen lang täglich. Das waren unsere ersten Wochen.
Auch unser erstes Biwak*.
Dazu marschierten wir aus der Kaserne in den Üb-Raum "X". Marschieren, da kam ich das erste mal an meine Grenzen (so dachte ich jedenfalls). Untrainiert und voller Entsetzen trafen wir im besagten Übungsgelände ein. 7,5 km von der Kaserne entfernt. Nach mehreren Trainingsmärschen war es kein Problem mehr, aber da ich vor der Bundeswehr nicht gerade asketisch gelebt hatte, wurden diese 7 einhalb Kilometer zur unendlich Qual. Es ist ja auch nicht so, dass man diese Strecke mit Flip Flops in 4 Stunden spaziert, sondern eher mit Gefechtsanzug, Vollbewaffnung, Rucksack und Munition in 45 Minuten zu absolvieren hat. Ständig mit den Worten des Gruppenführers: "Männer, Ihr seid deutsche Soldaten!!! Waffe vor die Brust, Kopf nach oben und böse gucken."
das "böse gucken" war das Einfachste!
Im Üb-Raum angekommen hieß es dann, trockene Klamotten anziehen, T-Shirt, Socken und Feldbluse! Ich war völlig im Arsch und hätte auf der Stelle umkehren und ins Bett fallen können. Aber nix da...es war ja gerade mal 8.00 morgens. (in BW-Kreisen übrigens als Null Achthundert betitelt) 
"So Männer, jetzt suchen wir uns einen geeigneten Lagerplatz!" Ja richtig, die nächsten 4 Tage würden wir bei ~ -10°C unter freiem Himmel schlafen und wachen. 
In solchen Situationen fragte ich mich, warum ich diesen 4-Jahres Vertrag mit diesem Verein geschlossen hatte. Eigentlich wollte ich doch nur einen LKW-Führerschein (den ich nie bekommen habe) und jetzt sowas.
Na gut, alles quengeln half nix. Irgendwann würden die vier Tage auch vorbei sein. Aber im Moment standen wir noch ganz am Anfang. Wir fällten also mit unseren Klappspaten um die 50 dünnen Fichten, die unsere Lagerbegrenzug darstellen sollten.


Erkundung! Der nächste Auftrag unser Panzergrenadiertruppe war die Umgebungserkundung.
Denn bevor die Nacht hereinbrach mussten zwei Alarmpostenstellungen ausgehoben werden.
(Der Alarmposten: Nachts, wenn die Menschheit ruhig schlummert, liegen irgendwo im Wald, 2 Soldaten die die Menschheit vor dem imaginären Feind beschützen)
Den ersten Tag im BIWAK verbrachten wir also mit Lager-Aufbau, Umgebungserkundung, Alarmposten-Stellung ausheben (der Boden war übrigens gefroren, eigentlich logisch bei -10°C, aber egal, 50-60 cm tief und 2,00 m lang mussten die Stellungen für die Nachtwache gebuddelt werden.)
Als alles abgeschlossen war, wurden die Wachen für die Nacht eingeteilt. Zwei Alarmposten,
die sich im 2 h-Rhythmus mit den Anderen aus der Gruppe abwechselten, sowie zwei Soldaten die
(jetzt kommts) das Feuer bewachen mussten...

Randwissen:

Biwak*(frz. bivouac, Feldlager, Nachtlager) bezeichnet ein Lager im Freien, aber auch in Zelten oder Hütten vor allem durch Soldaten oder Bergsteiger.

Ursprünglich gab es in befestigten Städten und Festungen eine innerhalb der Mauern befindliche Hauptwache und eine auf dem Glacis, also der freien, schussfeldgewährenden Fläche vor der Mauer, befindliche Beiwache. Da es auf dem Glacis keine Gebäude gab, musste die Beiwache in Zelten kampieren. Diese hatte dabei die Aufgabe, schon frühzeitig einen nachts anrückenden Feind auszumachen und Alarm zu schlagen, oder aber verspätete Ankömmlinge abzufertigen. Über das Niederländische wurde der Begriff der Beiwache/Biwake nach Frankreich entlehnt, wo er als „Bivoque, Bivouac“ oder ähnliches recht bald zur Bezeichnung eines jeden Kampierens von Soldaten im freien Feld diente. 
Bei der Bundeswehr wird unter Biwak der Aufbau und Betrieb eines Zeltlagers im Freien verstanden, der oft mit einer Geländeausbildung verbunden ist. Zu unterscheiden ist im Militärischen davon das Versteck. Meist wird „Biwak“ unter den Wehrdienstleistenden auch scherzhaft mit „Bundeswehr im Wald außer Kontrolle“, "Bin im Wald am kämpfen" oder „Besonders im Winter Arsch kalt“ übersetzt.


Fortsetzung folgt...